September – Philharmonie, Luxemburg
Es geht weiter!
Für Liebhaber der Klassik und der gehobenen Musik ist der Sommer ja bisweilen eine schwere Zeit: Während Fans der Rockmusik sich in diesen Monaten auf diversen Festivals in ganz Europa im Schlamm wälzen und sich von einigen Dutzend Bands beschallen lassen können, bleibt es in den üblichen Konzertsälen während dieser Zeit zumeist still. Glücklicherweise wird diese Dürrezeit mittlerweile durch einige hochkarätige Klassik-Reihen wie das Mosel-Musik-Festival überbrückt, aber die ganz großen Orchester finden auch dort keinen Platz. So wird (trotz zu erwartenden schlechteren Wetters) mancher vielleicht den September herbeisehnen, wenn die Philharmonie wieder ihre Pforten öffnet.
Gustav Mahler Jugendorchester: Das Eröffnungskonzert der diesjährigen Spielzeit schöpft dann auch gleich aus dem Vollen: Das Gustav Mahler Jugendorchester garantiert endlich wieder einen umfassenden Klangkörper. Dass die Saison 2010/11 vom Gustav Mahler Jugendorchester mit einem Werk seines Namensgebers eröffnet wird, hat gute Gründe – denn zwischen seinem 150. Geburtstag im Sommer 2010 und dem 100. Todestag im Frühjahr 2011 spielt der Komponist, der wie kaum ein anderer nahtlose Verbindungen zwischen Tradition und Moderne geschaffen hat, eine besonders prominente Rolle im Programm der Philharmonie. Die von Gustav Mahler im Alter von 24 Jahren komponierten „Lieder eines fahrenden Gesellen“ hören die Gäste beim Eröffnungskonzert im spannenden Vergleich zu Bruckners fast zur gleichen Zeit entstandener letzter Symphonie. Die „dem lieben Gott“ gewidmete Neunte Symphonie, die Bruckner 1896 am Ende seines 72-jährigen Lebens unvollendet hinterließ, zählt zu den Schlüsselwerken am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Am Dirigentenpult steht Herbert Blomstedt (der übrigens genau einen Monat später mit dem Gewandhausorchester Leipzig wieder ins Grand Auditorium kommen wird), als Solist in Mahlers Orchesterliedern hört man Christian Gerhaher, „den anbetungswürdigsten Bariton unserer Tage“ (FAZ). (10. September, 20.00 Uhr, Grand Auditorium)
Falk Winland / Hirvonen: Die Konzertreihe „Rising stars“, eine gemeinsame Initiative der ECHO – European Concert Hall Organisation, bietet reichlich Stoff für musikalische Entdeckungen. Das bezieht sich nicht nur auf die herausragenden Interpreten der jungen Generation, die Ihnen von den renommiertesten Konzerthäusern Europas vorgestellt werden, sondern auch auf so manche Rarität des Repertoires. Den Anfang machen 2010/11 die Sopranistin Ida Falk Winland und ihr Klavierbegleiter Matti Hirvonen, nominiert von Stockholms Konserthus: Nicht weniger als sechs Komponisten der letzten 200 Jahre aus ihrer schwedischen Heimat versammelt der Liederabend am 24. September, dazu Jean Sibelius, Francis Poulenc, Aaron Copland, Richard Strauss und Leonard Bernstein. Dessen witzige Songs von 1943 wurden spätestens 1965 zum Hit, als die 23-jährige Barbra Streisand seinen Titel „My name is Barbara“ nicht nur sang, sondern auch (leicht in „My name is Barbra“ abgewandelt) zum Titel ihrer ersten Fernsehshow und ihres fünften Studioalbums machte. Nicht zu vergessen Bernsteins „I hate music (but I like to sing)“ – reichlich Stoff für „Rising stars“. Vor dem eigentlichen Konzert gibt es um 19.15 Uhr eine Einführung in den nordischen Symbolismus in Musik und Malerei in französischer Sprache durch Dominique Escande (24. September, 20.00 Uhr, Kammermusiksaal)
Bachianas brasileiras: Vollkommen zu Unrecht hält sich die Meinung, klassische Musik sei nur etwas für ein gesetzteres, um nicht zu sagen: älteres Publikum. Auch jüngere, auch Kinder können an die konzertanten Aufführungen herangeführt werden, man muss nur den richtigen Stoff bieten. Es wäre vielleicht übertrieben, den Nachwuchs gleich in eine umfassende Mahler-Retrospektive zu setzen, aber ein musikalsiches Märchen dürfte den Geschmack doch treffen: Wer kennt das nicht: Krank im Bett liegen zu müssen ist furchtbar langweilig. In „Bachianas brasileiras“ geht es Judith ganz genauso. Doch plötzlich erwacht eine ihrer Puppen zum Leben und geht mit ihr auf eine abenteuerliche Reise durch fremde Länder. Außer Judith und dem wunderlichen Znirp (= Prinz, rückwärts gelesen), getanzt von Anna Hein und Luke Baio, spielt die Musik dabei natürlich eine ganz wesentliche Rolle. Denn die fantasievoll inszenierte Geschichte einer inspirierenden Reise im Traum spielt sich vor dem musikalischen Hintergrund der berühmten Bachianas brasileiras ab, die den 1887 in Rio de Janeiro geborenen Heitor Villa-Lobos zum populärsten Komponisten seiner Heimat werden ließen. Dieses Konzert in der Reihe „Philou“ gibt Kindern zwischen fünf und neun Jahren Gelegenheit, einmal gemeinsam ein spannendes Konzert im Grand Auditorium der Philharmonie zu erleben. Man kann sich fast vorstellen, dass sich die Eltern der Kindern darum reißen werden, ihre Sprösslinge bei diesem Konzert zu begleiten, denn der Vormittag wird auch den Erwachsenen ganz spannende Perspektiven der klassischen Musik eröffnen. Für die hohe musikalische Qualität sorgen dabei Musiker aus einem der bekanntesten Orchester der Welt – die acht Cellisten und der Soloflötist der Wiener Symphoniker. (26. September, 11.00 Uhr, Grand Auditorium)
Ausblick: Tell It Like It Is: „Ich will die Menschen auf höchstem Niveau unterhalten – nur schön singen reicht mir nicht“, sagt Thomas Quasthoff. Seine außerordentliche Fähigkeit, schön zu singen, wäre zwar vermutlich bereits genug, um ihn zu einem der weltbesten Sänger zu machen. Aber seine außergewöhnliche Liebe zum Singen geht über Lied und Oper hinaus – 2007 erschien sein erstes Jazz-Album mit Till Brönner, im Frühjahr realisierte er ein Volksliedprojekt mit Max Raabe. In seinem neuen Programm „Tell It Like It Is“ singt er mit einem erstklassigen Jazzquartett seine Pop-, Soul- und Blues-Lieblingslieder. Ob feinfühlig, verführerisch und elegant, melancholisch, ironisch oder mit Biss – auch in den meisterhaften Songs von Nat „King“ Cole, Percy Mayfield, Randy Newman, Otis Redding, Bill Withers, Stevie Wonder u.v.a. zeigt sich Thomas Quasthoff nicht nur mit wirklich schön klingender Bassbaritonstimme, sondern als Unterhalter auf höchstem Niveau.
(8. Oktober, 20.00 Uhr, Grand Auditorium)
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